Musik als Ausdruck des Lebens: „Das Dirigat liegt beim Patienten“·Stiftung St. Vincenz-Hospital finanziert neues Angebot der Musiktherapie auf der Palliativstation

Musik als Ausdruck des Lebens: „Das Dirigat liegt beim Patienten“·Stiftung St. Vincenz-Hospital finanziert neues Angebot der Musiktherapie auf der Palliativstation

„Wo die Sprache aufhört, fängt die Musik an“ – dieses Zitat von E.T.A. Hoffmann macht vielleicht am ehesten deutlich, warum gerade die Musiktherapie im Kontext der vielfältigen therapeutischen Disziplinen auf einer Palliativstation ein so passendes ergänzendes Angebot ist. Seit Januar 2015 finanziert die Stiftung St. Vincenz Hospital die Musiktherapie als neues Angebot für die  Palliativstation des St. Vincenz. Die Diplom-Musiktherapeutin Simone Willig setzt dieses besondere  Angebot nun einmal die Woche auf Station um.

„Musik ist ein kollektiver Schatz menschlicher Lebensweisheiten“, so Simone Willig.

„Lieder behandeln universale Themen des Menschseins wie Heimat und Identität, Liebe, Freundschaft und Zugehörigkeit, Verlust und Versöhnung, Spiritualität, Abschied und auch den Aufbruch ins Unbekannte. Damit sprechen sie existenziell bedeutsame Themen an, die die Menschen auf unserer Palliativstation mehr oder weniger bewusst beschäftigen.“

Musik ermögliche Begegnung und schaffe über ihren Symbolgehalt gleichzeitig Distanz. Nur in der Musik sei es möglich, gleichzeitig im Kontakt zu sein und dennoch eigenen Gedanken nachzuhängen.  Auch belastende Erlebnisse und erlebte Trauer fänden hier ein Gegenüber. Improvisationen für und mit den Patienten sowie gemeinsam gehörte und somit „geteilte“ Musik könnten in ein intensives Gespräch münden. Dies sei allerdings keineswegs zwingend. Musik könne genauso gut zu „beredtem Schweigen“ führen: „So wie Pausen ein Bestandteil jeder Musik sind, so liegt das Dirigat stets beim Patienten, ob Musik erklingt oder nicht. Ich betrete ein Zimmer stets in der Haltung der „absichtsvollen Absichtslosigkeit“, so Simone Willig.

Seit mehreren Jahren unterstützt und berät sie Pflegefacheinrichtungen und Kliniken rund um den verantwortungsvollen Umgang mit Musik im Pflegealltag. „Musiktherapie lebt von der Zusammenarbeit in einem interdisziplinären Team“, betont die Therapeutin. Dabei macht sich die Musiktherapie die verschiedensten Wirkprinzipien von Musik zu Nutze. Sie entwickelt Kontakt und Beziehung zwischen Patienten, dem Therapeuten, den Angehörigen und der Pflege. Dabei geht es jedoch keinesfalls darum, Instrumente zu erlernen, sondern die Ziele der Palliativmedizin zu unterstützen. Auf diese Weise ermöglicht Musik nach Überzeugung der Therapeutin

  • den Erhalt von Würde und Integrität
  • die Erhaltung von Sinnhaftigkeit im Lebensweg
  • den Ausdruck von Gefühlen
  • das Erleben von Beziehung
  • die Erinnerung an Vergangenes und das Vermögen, dies auszudrücken
  • das Aufgreifen und Wertschätzen biographischer Ressourcen
  • Das Pflegen und Erleben von Gewohnheiten
  • Gefühle der Sicherheit und Geborgenheit

Darüber hinaus habe Musiktherapie im Kontext palliativer Pflege auch konkret funktionale Wirkung: beispielsweise beim Singen als Pneumonieprophylaxe und Mittel zur Schmerzreduktion durch Verbesserung und Vertiefung der Atemregulation (funktionales Atemtraining mit Musik). Sie könne Entspannungstechniken wie die basale Stimulation unterstützen ebenso im Kontext gesteigerter Atemkapazität und verbesserter Mundmotorik eine Unterstützung beim Erhalt des Schluckreizes sein.

Positive emotionale Wirkung habe Musiktherapie insbesondere dadurch, dass sie eine Situation von Geborgenheit und Sicherheit schaffe. Gleichzeitig sei Musik eine Hilfe beim Erhalt der Identität und fördere Kontakt und Kommunikation.

„Musik als menschlicher Ausdruck vom Leben spricht Palliativpatienten immer als Menschen an, nicht als Kranke“, sagt Simone Willig. Frei nach dem amerikanischen Schriftsteller Henry Longfellow: „Musik ist die gemeinsame Sprache der Menschheit“ – ein Zitat, das Willig besonders mag. Im palliativmedizinischen Alltag wirke Musik durch ihren hohen Aufforderungscharakter in manchen Situationen angenehm, entspannungsfördernd und stimmungsaufhellend. In anderen Situationen jedoch könne sie auch völlig fehl am Platze sein. Als professionell ausgebildete Fachkraft sieht sich Simone Willig daher als „verantwortungsvolle Begleiterin eines akustischen Milieus.“ Ihre Arbeit sieht sie als „eine wunderbare Kombination von Hobby und Wunschberuf auf den ersten, Berufung auf den zweiten Blick.“ Ihre große Liebe gehört der Begleitung von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen sowie der Arbeit im neurologischen und palliativen Kontext.

Zur Person: Simone Willig ist Dipl.-Musiktherapeutin (FH), NMT, Heilpraktikerin für Psychotherapie, zertifizierte Musiktherapeutin (DMtG) hat das grundständige Studium der Musiktherapie in Heidelberg absolviert und 1999 mit dem Diplom abgeschlossen. Aufbauend auf ihr tiefenpsychologisch ausgerichtetes Studium erwarb Simone Willig grundlegende Kenntnisse im spezifischen Einsatz von Musik bei neurologisch-funktionalen Störungen bei Prof. Michael Thaut am Center for Biomedical Research in Music, Fort Collins, Colorado und wurde im Dezember 2010 zu Neurologischen Musiktherapeutin zertifiziert.
Seit Anfang 2000 arbeitet sie freiberuflich für verschiedene Alten- und Pflegeheime sowie Kliniken im Lahn-Dill-Kreis und im Kreis Gießen Marburg. Dabei haben sich die musiktherapeutische Arbeit mit Demenzkranken, die Palliativ-Versorgung sowie das neurologische Arbeitsfeld als besondere Schwerpunkttätigkeiten herauskristallisiert. Simone Willig kooperiert mit verschiedenen Ergo-und Physiotherapiepraxen und ist Dozentin in verschiedenen Ergotherapie-Studiengängen.
Simone Willig ist weltweit als Referentin zum Thema Musiktherapie bei Demenz (u.a. für die Robert-Bosch-Stiftung, den europäischen Alzheimerkongress, Malta 2013, zuletzt für Alzheimer Disease International, Puerto Rico), Neurologische Musiktherapie sowie im Bereich musiktherapeutisches Consulting für Pflegeeinrichtungen tätig. © St. Vincenz-Krankenhaus, v.Spee

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